Infrarotfotografie: Die Welt in neuem Licht erleben

Infrarotfotografie – was ist das eigentlich? Kurz gesagt: Du schießt Bilder, umgehst dabei aber das „normale“, sichtbare Licht. Die Infrarotfotografie ermöglicht es Dir buchstäblich, die Welt in einem neuen Licht zu sehen. Sie lässt Dich altbekannte und neue Motive in ungewohnten, verblüffenden Farben erleben. Gleichzeitig wirken die Motive klarer, intensiver, kontrastreicher und exponierter. Das macht den Reiz der Infrarotfotografie aus.

Ein großer Laubbaum mit schneeweißem Blattwerk auf schneeweißem Gras, unter dunkelblauem Himmel.
Nur auf den ersten Blick eine Winterlandschaft: Das Blattgrün ist im Infrarot transparent; Wasser in den Blättern reflektiert das Licht („Wood-Effekt“).

Ein Infrarotfilter macht’s möglich

Genau wie das sichtbare Licht ist Infrarotstrahlung Teil der elektromagnetischen Strahlung, die Energie als elektromagnetische Wellen verschiedener Frequenz überträgt. Im Gegensatz zu „unserem“ kurzwelligen Licht ist Infrarotstrahlung für die Augen jedoch unsichtbar; deshalb siehst Du schwarz, wenn Du durch einen Infrarotfilter schaust. Kein Wunder also, dass man ihn auch „Schwarzfilter“ nennt.

Ein Infrarotfilter filtert das sichtbare Licht ganz oder zumindest weitgehend heraus, damit es bei der Aufnahme nicht mit auf den Bildsensor gelangt. Die Infrarotstrahlung lässt der Filter dabei passieren, und je nach eingesetztem Filter kannst Du ganz unterschiedliche Farbwirkungen erzielen. Auf dem Display moderner Digitalkameras kannst Du das Ergebnis sofort begutachten – teure Spezialfilme und aufwendige Belichtungsreihen sind damit Vergangenheit.

Bestechende Schärfe, surreale Farben

Grüne Blätter, die ganz hell, fast weiß erscheinen; als Kontrast dazu dramatisch dunkle Himmel … nicht umsonst bezeichnet man die Infrarotfotografie treffend auch als Falschfarben-Fotografie. Sie bewirkt nämlich genau das: Sie „verfälscht“ die Farbgebung der Motive, die wir im sichtbaren Licht ganz anders wahrnehmen. So lassen sich starke, surreale Effekte erzielen. Die bestechende Klarheit und eine beeindruckende Fernsicht verdanken wir dabei der größeren Wellenlänge der Infrarotstrahlung, die diese weniger störanfällig für eine Lichtstreuung durch natürliche Phänomene macht; zum Beispiel durch morgendlichen Dunst oder kleinste Verunreinigungen in der Luft. Vieles, was Dein Motiv sonst beeinflusst, filterst Du per Infrarotfilter einfach heraus.

Ein Boot in weißem Gras am Seeufer. Der dunkelblaue Himmel spiegelt sich im Wasser.
Ein Panoramablick in ungewohnten Farben.

Infrarot im Spiegel: Der „Wood-Effekt“

Der Physiker Robert Williams Wood entdeckte 1919, dass Chlorophyll, also das Blattgrün, im Infrarot-Bereich transparent ist. Je nach Filter und eingestelltem Weißabgleich erscheint das grüne Blattwerk (genau wie Blüten-Pigmente) bei direktem Licht-Einfall in hellem Weiß. Das bewirkt den charakteristischen Raureif-Effekt. Die Infrarotstrahlung trifft nämlich nicht auf das transparente Blattgrün, sondern wird stattdessen von den Wassermolekülen im Blattwerk vollständig reflektiert. Das hat auch einen ganz praktischen Nutzen: Indem sie das Licht einer bestimmten Wellenlänge meidet, schützt sich die Pflanze davor, mehr Wärme aufzunehmen, als sie verträgt. Die Reflexion verstärkt sich zusätzlich, weil das Blattgrün fluoresziert. Es gibt also einen Teil des aufgenommenen „normalen“ Lichts mit veränderter Wellenlänge wieder ab, die es dann im Infrarotspektrum sichtbar macht.

Infrarotbilder in Schwarz-Weiß und Farbe

Dass Himmel und Wasserflächen in der Infrarotfotografie im Gegensatz zum Blattgrün sehr dunkel wiedergegeben werden, hängt schlicht damit zusammen, dass ein Infrarotfilter die kurzwellige UV-Strahlung herausfiltert, die am Himmel vorherrscht. Die Wasseroberflächen reflektieren wiederum den Himmel. Auf diese Weise entstehen die typischen, brillanten Schwarz-Weiß- oder Hell-Dunkel-Kontraste, die für Infrarotfotos so charakteristisch sind.

Beim sogenannten Farbinfrarot sind außerdem noch Rest-Anteile des sichtbaren Lichts im Bild enthalten, die als verfälschte Farbtöne wiedergegeben werden. Verschiedene Filter decken das gesamte Infrarot-Spektrum ab. Deshalb findest Du auf einem Infrarotfilter immer eine Nanometer-Angabe (nm) für den Wellenlängenbereich des Lichts, für den er sich eignet. Am besten testest Du, was Dir am besten gefällt!

Rustikale Holzscheune vor Bergen und Wolken in Schwarz-Weiß.
Spiel mit Licht und Schatten: Klassisches Schwarz-Weiß-Infrarot mit knackigen Kontrasten.
Foto „BARN WITH CLOUDS“ von Tom Babich, CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

Welche Kamera eignet sich für die Infrarotfotografie?

Obwohl der Bildsensor moderner Digitalkameras empfindlich genug für Infrarotaufnahmen ist, sind heute leider viele Modelle mit einem fest verbauten Sperrfilter vor dem Sensor ausgestattet. Dieser lässt (fast) nur Licht aus dem für uns sichtbaren Bereich (400 bis 750 Nanometer Wellenlänge) hindurch. Das soll die Bildqualität verbessern, verbaut aber auch die Fähigkeit zu Infrarotaufnahmen.

Mit einem Infrarotfilter vor der Linse und einer längeren Belichtungszeit lässt sich diese Beschränkung aber fast immer kompensieren! Ob Deine Kamera sich dafür eignet, oder ob der verbaute Sperrfilter zu dicht ist, findest Du bestimmt im Internet heraus.

Belichtung und Bewegungsunschärfe

Wenn möglich, solltest Du die Infrarotfotografie auf jeden Fall ausprobieren. Taste Dich dazu an Deine bevorzugte Einstellung heran: Bei vollem Sonnenschein startest Du am besten mit einer Belichtungszeit von 1 Sekunde. Stelle die Blende dabei zunächst auf 5,6 und variiere dann ganz nach Geschmack. So näherst Du Dich dem gewünschten Ergebnis an.

Da Du mit langen Belichtungszeiten arbeitest, solltest Du auf jeden Fall ein Stativ benutzen. Wenn Du bei voller Mittagssonne knipst, verkürzt Du die nötige Belichtungszeit. Bewegte Motive sind für längere Belichtungszeiten leider eher ungeeignet, da so Bewegungsunschärfe entsteht. Allerdings kann das auch durchaus ein gewünschter dynamischer Effekt sein, mit dem Du spielen kannst. Wenn Du solche Effekte ausschließen willst, solltest Du Dich aber auf statische Motive konzentrieren und bei Windstille fotografieren.

Dramatische Wolken in Gold und Silber über bläulich-surrealem Wald. Ein einsamer Baum im Vordergrund.
Im sichtbaren Licht hauchdünn, verleihen Schleierwolken im Infrarot dem dunklen Himmel Kontrast und Tiefe.
Foto „Infrared HDR Palmer Park Colorado Springs“ von David, CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

Der Weißabgleich entscheidet

Im automatischen Weißabgleich werden Infrarotbilder mit einem starken Rotanteil erstellt. Daraus kannst Du per nachträglicher Bildbearbeitung zwar noch gute Schwarz-Weiß-Bilder machen, aber keine wirklich brauchbaren Farbbilder mehr. Ein manueller Weißabgleich, direkt am Motiv vorgenommen, erspart Dir viel nachträgliche Arbeit. Am besten richtest Du die Kamera dazu auf Gras oder grünes Blattwerk, das hinterher ja weiß erscheinen soll. Variiere die Belichtungszeit, bis das Ergebnis passt.

Am besten im RAW-Format

Oft holst Du erst am Rechner das Beste aus den Bildern heraus – nämlich dann, wenn Du sie nachträglich bearbeitest. Wenn Deine Kamera im RAW-Format aufnehmen kann, ist das in der Infrarotfotografie klar das Format der Wahl und eröffnet den größtmöglichen Gestaltungsspielraum.

Zusammengefasst

  • Infrarotfotografie ist die Jagd nach altbekannten und neuen Motiven, die Du jenseits des sichtbaren Lichts in Szene setzt.
  • Schwarz-Weiß-Aufnahmen oder surreale Farben, kombiniert mit knackigen Kontrasten und einer großen Tiefe, sorgen für bildstarke Effekte.
  • Mit einem Infrarotfilter und längeren Belichtungszeiten sind fast alle modernen Kameras fähig, trotz Sperrfilter im Infrarot-Spektrum zu fotografieren.
  • Die besten Bilder gelingen, wenn Du bei vollem Sonnenschein und Windstille statische Motive knipst. Letztlich entscheidet aber natürlich Deine Bildidee.
  • Führe einen manuellen Weißabgleich durch; vor allem wenn Du Farbinfrarot-Aufnahmen machen willst.
  • Fotografiere wenn möglich im RAW-Format. Damit holst Du bei der Bearbeitung am Rechner am meisten aus Deinen Bildern heraus.

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