Mit dem Miniatureffekt Spielzeuglandschaften simulieren

Reizt es Dich schon länger, einen Teil der Welt im Kleinen abzubilden? Von einem Land zwergenhafter Menschen mit ihren niedlichen Modellbauten geht für viele Menschen eine große Faszination aus. Doch nicht jeder hat Platz für eine Märklin-Schauanlage oder mag endlos Bausätze zusammenbasteln. Zum Glück musst Du für ein Foto-Shooting gar nicht unter die Modellbauer gehen. Stattdessen nimmst Du einfach den umgekehrten Weg und lichtest die reale Welt ab – und hinterher am Rechner verwandelst Du sie in eine Spielzeuglandschaft! So viel Detailreichtum hat kein Diorama.

Blick auf einen Parkplatz mit verschwommenem Hintergrund
Liebling, ich haben den Bus geschrumpft! Mit dem Miniatureffekt erscheint Großes plötzlich ganz klein – und aufregend neu! – Foto: © chuttersnap – Unsplash.com

Vielleicht willst Du ja faden Landschafts- und Stadtfotos mal einen ganz anderen Look verpassen. Mit dem Miniatureffekt wirkt Gewöhnliches im Nu ganz ausgefallen. Dafür greifst Du nachträglich in die Trickkiste der Bildbearbeitungsprogramme und spielst mit den Sehgewohnheiten. Und als wäre es Zauberei – auf den Urlaubsfotos schrumpfen die Schweizer Alpen zu einer niedlichen Bergrequisite. Auf den London-Schnappschüssen sehen die auf dem Trafalgar Square versammelten Menschen plötzlich wie Winzlinge aus. Alternativ erzielst Du den Miniatureffekt mit einem speziellen Objektiv oder mithilfe der Kamerasoftware gleich beim Knipsen.

Mit dem Miniatureffekt beeindruckst Du nicht nur passionierte Modellbauer. Auch auf Instagram kannst Du dick auftragen. Modell oder Wirklichkeit? Jeder, der Deine Fotos sieht, wird staunen und diese Frage kaum beantworten können.

Freizeitpark aus der Vogelperspektive
Echt oder Spielzeug? Verwendet man den Miniatureffekt, muss sich der Betrachter diese Frage zwangsläufig stellen. – Foto: © Josh Howard – Unsplash.com

Spiel mit Sehgewohnheiten täuscht die Sinne

Wie kommt es, dass der Miniatureffekt das Pariser Häusermeer in eine Spielzeugstadt, den Dresdner Dom in ein akribisch gebasteltes Architekturmodell und den Schlosspark von Versailles in einen minutiös gestalteten Miniaturgarten verwandelt? Das Geheimnis ist rasch gelüftet: Der Effekt trickst die Sinne aus, indem er sich unserer Vorstellung von einem echten Makrofoto bedient.

Jeder kennt Nahaufnahmen. Insbesondere dann, wenn man kleine Gegenstände fotografiert, ergeben sich verschieden scharfe Bildzonen. Je kleiner das Motiv, desto kleiner fällt der scharfe Bildbereich aus. Fokussierst Du beispielsweise eine Narzisse, kommt ihre vielgliedrige gelbe Blüte gestochen scharf zur Geltung. Dagegen sind die Blätter sowie der im Hintergrund sichtbare Frühlingsgarten aufgrund der Unschärfe kaum erkennbar. Sie erscheinen nur noch als verschwommenes Grün. Betrachtet man hingegen ein in der Totale aufgenommenes Motiv, ist auch die Umgebung gut sichtbar und sämtliche Bildbereiche sind gleichmäßig scharf abgebildet.

Diese Schärfeverteilung hat sich unser Gehirn eingeprägt. Es kennt die Bildkonvention, deutet die Schärfe-Variationen als Hinweis auf die geringe Größe der abgebildeten Motive und ordnet ein Foto mit einzelnen scharfen Bildzonen der Kategorie Makrofotografie zu. Ein besonderes Objektiv oder die nachträgliche digitale Bearbeitung ahmen diese für Makroaufnahmen charakteristische Schärfenverteilung nach, auch wenn es sich in Wahrheit gar nicht um ein Detailfoto handelt.

Eine große Rolle spielt auch der Standpunkt, von dem aus Du knipst. Schließlich wirken Dinge, die weit entfernt sind, automatisch kleiner. Die Illusion ist perfekt, wenn Du die Vogelperspektive einnimmst und am besten leicht schräg von oben fotografierst. Das ähnelt der Position, von der aus man für gewöhnlich einen Schaukasten oder eine Modelleisenbahn bestaunt.

Nahaufnahme einer Narzisse mit unscharfem Bildhintergrund
Typische Schärfeverteilung einer Makrofotografie, so wie bei dieser Aufnahme einer Narzisse. – Foto: © Aaron Burden – Unsplash.com

Welche Motive eignen sich für den Effekt?

Eine an Fachwerkbauten reiche Altstadt, der Blick auf das im Tal liegende Bergdorf, die Skyline von Singapur, das WM-Fußballstadion, die sich vor dem Bahnhof tummelnden Menschen: Für den Miniatureffekt bieten sich viele Motive an. Am besten dafür eignen sich Außenaufnahmen, die viele Details bieten. Das macht es einfacher, einen Bereich hervorzuheben, den Rest in der Unschärfe verschwinden zu lassen und die Szenerie mit Leben zu füllen. So erschaffst Du klitzekleine, auf einen Kunstrasen geklebte Gartenmöbel, winzige Menschenfigürchen und Spielzeugautos – also all das, was man an possierlichen Modellbaulandschaften so mag.

Dir fehlt eine geeignete Aufnahme? Dann greif zur Kamera und begib Dich auf Motivsuche. Wichtig ist es, sich einen erhöhten Standort auszusuchen. Der Blick von einem hohen Gebäude, einer Anhöhe, Brücke oder Aussichtsplattform ist ideal, um die Welt zu verkleinern. Wähle vor dem Abdrücken einen weiten Winkel aus.

Auch die Schärfe zählt. Unscharfe Fotos lassen sich anschließend nur schwer bearbeiten. Um die typische Schärfevariation einer Makroaufnahme zu erreichen, brauchst Du also unbedingt eine scharfe Bildvorlage. Fokussiere daher Dein Motiv und wähle am besten eine hohe Blende sowie eine kurze Verschlusszeit. Insbesondere Bewegungsunschärfen, die durch vorbeirasende Autos oder sich bewegende Menschen entstehen, nehmen die Illusion einer zu Spielzeug gewordenen Welt.

Blick von oben auf eine Coffee Bar in einer Shopping Mall
Die Vogelperspektive verstärkt den Eindruck eines Modells. – Foto: © Gerry Roarty – Unsplash.com

So verwandelst Du die Welt in eine Miniaturlandschaft

Du willst den Miniatureffekt nicht erst nachträglich am Rechner erzeugen? Kein Problem! Bereits beim Knipsen kannst Du eine scheinbare Modellbauszenerie herstellen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Miniatureffekt über Motivprogramm: Die Programme vieler Digitalkameras verfügen bereits über einen Miniaturmodus. Wähle ihn also einfach vorher aus. Der Rest funktioniert automatisch.
  • Tilt-Shift-Objektiv: Indem ein solches Objektiv den fokussierten Bereich schwenkt und verlagert, entstehen bereits beim Fotografieren scharfe und verschwimmende Bildzonen. Gerade Architekturfotografen schwören auf so ein Objektiv, das jedoch nicht ganz billig ist.

Miniatureffekt mit Photoshop und GIMP

Auch am Rechner zauberst Du faszinierende Miniaturszenerien. Das nachträgliche Bearbeiten ist ein bisschen aufwendiger, lässt aber mehr Freiheiten. Neben Photoshop eignen sich dafür auch kostenlose Bildbearbeitungsprogramme wie zum Beispiel GIMP.

Bei Photoshop arbeitest Du vor allem mit Werkzeugen zur Maskierung und Veränderung der Tiefenschärfe. Bevor Du einzelne Bildbereiche verschwimmen lässt, triffst Du eine Auswahl und grenzt die zu bearbeitenden Zonen ein. Wer gleich zu Beginn eine Ebenenmaske erstellt, kann später einzelne Schritte korrigieren sowie scharfe und verschwommene Bildbereiche sauber voneinander abgrenzen.

Mit einem Mal- oder Auswahlwerkzeug steckst Du den Bereich ab, der scharf bleiben soll. Häufig eignet sich ein mittig platziertes Motiv wie etwa ein Gebäude. Die nähere Umgebung, der Hintergrund sowie der Bildrandbereich fallen dann unscharf aus. Realistischer wirken weiche Konturen. Dabei hilft der Weichzeichner. Um eine flirrende Unschärfe zu erreichen, sollten die Übergänge allerdings auch nicht zu fließend ausfallen. Bei schwer zu umgrenzenden Bereichen ist zudem etwas Feinarbeit gefragt.

Blick auf einen Altbau-Straßenzug mit verschwommenem Hintergrund
Verschwommene Zonen herstellen – schon ist die Illusion perfekt! – Foto: © Serg Bataiev – Unsplash.com

Nachdem Du mit der Maske die scharfe Zone definiert hast, verlässt Du den Maskierungsmodus. Anschließend kehrst Du die Auswahl um und widmest Dich den Zonen, die verschwommen wirken sollen. Am besten gelingt dies mit dem Filter „Tiefenschärfe abmildern“. Alternativ kannst Du den Gaußschen Weichzeichner verwenden. Etwas Fingerspitzengefühl ist beim Einstellen des Radius nötig. Oftmals ist man mit einem mittleren Wert gut beraten. Dadurch entstehen weder zu harte Kontraste, noch wirkt das Bild anschließend weichgespült.

Ähnlich gehst Du beim Bildbearbeitungsprogramm GIMP vor. Für Unschärfe wählst Du hier entweder den Filter „Unscharf maskieren“ oder den Gaußschen Weichzeichner.

Tipp: Noch besser wirkt es, wenn Du den Farben nachträglich Brillanz verleihst. Satte Farben wirken etwas künstlich und verstärken dadurch den Miniatureffekt. Mit knallbunten Farben erscheinen Menschen wie Plastikfigürchen, eine Wiese wie Kunststoffrasen und Gebäude wie Spielzeug. Oftmals reicht es bereits, die Farbsättigung oder den Kontrast des gesamten Bildes zu erhöhen.

Blick auf Container mit verschwommenem Vorder- und Hintergrund
Gesättigte Farben verstärken den Miniatureffekt. Am einfachsten gelingt dies mithilfe eines Bildbearbeitungsprogramms. – Foto: © Tim Easley – Unsplash.com

Fazit

Mit dem Miniatureffekt siehst Du die Welt mit anderen Augen. Ein Bildbearbeitungsprogramm peppt ein ödes Foto nachträglich auf. Fast ebenso gut verwandelt der Miniaturmodus oder ein Tilt-Shift-Objektiv das Sichtbare in einen Modellbau-Schaukasten. Damit das Spiel mit den Sehgewohnheiten gelingt, ist das Motiv wichtig. Zwei Dinge sind entscheidend: Detailreichtum und ein erhöhter Standpunkt, von dem aus Du das Bild machst.

Eine Miniaturszenerie macht sich wunderbar im Fotokalender. Der Blick auf ein verschneites Dörfchen wirkt so heimelig, als befinde es sich in einer Schneekugel – solch ein Bild füllt ideal das Dezemberblatt. In einem thematisch gestalteten Fotobuch sorgen Miniaturbilder zwischen realistischer Architektur- und Landschaftsfotografie für Abwechslung. In jedem Fall kannst Du Dich mit dem Miniatureffekt kreativ austoben.

 

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